Pius Parsch, St. Gertrud Altar, Taufbild

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Pius Parsch (1884 - 1954)

Der Klosterneuburger Augustinerchorherr war schon im Ersten Weltkrieg als Feldgeistlicher einfachen Soldaten begegnet und hatte erlebt, wie stark das Verständnis für den tradierten Gottesdienst geschwunden war; für viele Soldaten schienen weder die Inhalte noch die Gestalt des christlichen Gottesdienstes irgendeine Bedeutung zu haben. Parsch war dagegen überzeugt, dass Liturgie und Bibel für jeden Christen zugänglich und verständlich sein müssen. Er selbst hatte es bereits im Noviziat als „unerträglich“ empfunden, das Chorgebet zu beten, ohne es zu verstehen. Ab den 1920er Jahren arbeitete er daran, nach Wegen zu einer aktiven Teilnahme („participatio actuosa”) aller Getauften am Gottesdienst zu suchen, u. a. durch die Verwendung der Volkssprache und durch die Zelebration versus populum. Er schöpfte auch aus seiner Begegnung mit der ostkirchlichen Liturgie, die er an der Ostfront, besonders in Kiew, kennen gelernt hatte. Die Gründung eines eigenen Verlags und einer Druckerei im Stift erschloss Parsch eine Leserschaft über die Besucher seiner Basisgemeinde St. Gertrud und der von ihm angebotenen Liturgie- und Bibelstunden hinaus. Er verfasste mehrere hundert Bücher und Schriften. Sie wurden im Laufe der Zeit in 17 Sprachen übersetzt und nicht nur in ganz Europa, sondern auch in Asien und Afrika rezipiert.

Während einige andere namhafte Theologen der Liturgischen Bewegung in Deutschland, Belgien und Frankreich sich vermehrt der Erforschung der Liturgiegeschichte zuwandten, widmete Parsch sich insbesondere der Erklärung der liturgischen Gebete, Handlungen und Symbole für die Gegenwart. Seine Arbeiten erschlossen den Reformanliegen der Liturgischen Bewegung eine breite Wirkung. In einer Phase des Experimentierens wurde außerdem St. Gertrud – eine kleine romanische Kirche nur einen Steinwurf vom Stift entfernt – zu einem Ort der Erneuerung von Liturgie und Kirche. Parsch beschränkte sich aber keineswegs auf eine "Popularisierung" der Liturgie, sondern arbeitete eigenständig theologisch. Das Zweite Vatikanische Konzil nahm in den 1960er Jahren neben den Werken anderer Reformtheologen die Erfahrungen und theologischen Anstöße von Pius Parsch auf und verschaffte ihnen so einen universalkirchlichen Einfluss. Noch im Jahr 2004 hob Joseph Kardinal Ratzinger die große Bedeutung hervor, die Parschs Werken zukam: "Sie hatten entscheidend das Bewusstsein der ganzen Kirche geformt". Franz Kardinal König erinnerte sich als Zeitzeuge ebenfalls daran, dass Parschs Schriften "der großen Mehrheit der Konzilsväter aus der persönlichen Lektüre bekannt" waren.

Schlaglichter aus der Biographie Pius Parschs:

1884:

Geburt von Johann Parsch in Neustift bei Olmütz

1904: 

Eintritt in das Augustiner Chorherrenstift Klosterneuburg; Anname des Ordensnamens "Pius"

1909: 

Priesterweihe

1912: 

Doktor der Theologie an der Universität Wien mit einer Promotion im Fach Neutestamentliche Exegese

bis 1913:

Aushilfsseelsorger in Maria Treu (Wien)

1913: 

Parsch wird Professor für Pastoraltheologie an der Ordenshochschule des Stiftes Klosterneuburg

1915-1918:

Parsch dient als Militärseelsorger im Ersten Weltkrieg

1922:

Erste Gemeinschaftsmesse und Gründung der „Liturgischen Gemeinde von St. Gertrud“

1926: 

Ersterscheinung der Zeitschrift „Bibel und Liturgie“

1927: 

Parsch errichtet das „Volksliturgische Apostolat“ mit Verlag und Druckerei

1929:

Deutschland Reise mit Begegnung mit Romano Guardini, Ildefons Herwegen, Odo Casel, Stanislaus Stephan u.a.

1933: 

„Betsingmesse“ mit 250.000 Mitfeiernden nach den Modellen von Parschs volksliturgischem Apostolat im Wiener Schlosspark Schönbrunn im Rahmen des „Allgemeinen Deutschen Katholikentags“

1934: 

Teilnahme an der Berlin-Hermsdorfer Konferenz, dem ersten theologischen Gespräch zur Ökumene. Parsch referierte über das "Wesen der katholischen Frömmigkeit"

1936: 

Umbau der Kirche St. Gertrud gemeinsam mit dem Architekten Robert Kramreiter nach volksliturgischen Maßstäben

1938: 

Übernahme der Jugend- und Gemeinderäume von St. Gertrud durch die Hitlerjugend

1940:

Parsch wird Mitglied der Liturgischen Kommission der Fulder Bischofskonferenz

1941: 

Aufhebung des Stifts durch die Nationalsozialisten; Parsch wird bis 1946 Seelsorger in der Pfarre Floridsdorf

1945: 

Ein Luftangriff auf Wien zerstört u.a. die Pfarre Floridsdorf mit Parschs Wohnung und zahlreichen Dokumenten

1946: 

Rückkehr ins Stift Klosterneuburg; Osterfeier in St. Gertrud

1947:

Die Enzyklika „Mediator Dei“ wird von Pius XII. veröffentlicht und kommentiert

1950: 

Teilnahme und Referat beim 1. Deutschen Liturgischen Kongress in Frankfurt

1950: 

Gründung des „Klosterneuburger Bibelapostolats“

1952: 

Teilnahme und Hauptreferat beim 35. Eucharistischen Kongress in Barcelona

11. März 1954: 

Tod von Pius Parsch infolge eines Schlaganfalls. Zunächst Beisetzung am Oberen Stadtfriedhof; Übertragung der Grabstätte in die Kirche St. Gertrud unter liturgischer Leitung von Abt Benedikt Reetz OSB (Seckau)